Im Haus Nr. 138 wohnten neben Fanny Jordan auch ihre Tochter Hedwig mit ihrem Mann Aron Warschawsky und deren beide Töchter Berta und Paula.
Hedwig wurde am 31. Mai 1883 in Zaberfeld geboren und heiratete am 29.08.1911 in Zaberfeld den Pferdehändler und Kaufmann Aron Warschawsky. Er war Pole, nach russischer Zeitrechnung am 20.10.1883 geboren (am 01.11.1883 nach deutscher Zeitrechnung) in Lyubvanetz in Russland.
Hedwig Warschawsky war eine Hutmacherin und Schneiderin, hatte ein kleines Geschäft und arbeitete im Haus in Zaberfeld. Sie war im Ort integriert, was zum Beispiel ein Foto vom 29. Mai 1910 zeigt, auf dem sie als Festdame bei der Fahnenweihe des Gesangvereins „Eintracht“ zu sehen ist.
Die
Auskünfte über den Ehemann sind spärlich. Als russischer Soldat diente er beim
Militär im 1. Weltkrieg. Später war er Händler (Pferde, Uhren, Rauchwaren).
Man erzählt im Ort, er habe nicht viel zum Unterhalt der Familie beigetragen,
und die Ehe scheint nicht glücklich gewesen zu sein, was aus diversen Schriftstücken
und einem Briefwechsel ersichtlich ist. In gleicher Weise äußert sich viel später
die Tochter Berta in einem Brief an ihren Onkel Albert Jordan, in dem sie die
Familienverhältnisse beschrieb und die kaufmännischen Fähigkeiten des Vaters,
die zur Versorgung der Familie nötig gewesen wären, anzweifelte.
Die erste Tochter, Berta, wurde am 08. Juni 1912 in Ludwigsburg geboren. Sie verließ wahrscheinlich im November 1929 Zaberfeld und ging nach Düsseldorf. Dort lebte die Familie ihres Onkels Max Jordan. Sie lebte und arbeitete in Düsseldorf und lernte ihren zukünftigen Mann Heinz Blumenthal kennen. Dieser stand auch in Familienkontakt mit dem in Ober-Erlenbach bei Bad Homburg lebenden Albert Jordan, dem anderen in Zaberfeld geborenen Onkel von Berta Warschawsky. Mit ihrem Mann zusammen wanderte Berta vermutlich in den Jahren 1936/1938 aus nach Montevideo in Uruguay/Südamerika. Dass sie 1939 bereits in Uruguay lebte, geht aus einem Brief hervor, den der Onkel Max Jordan an seinen Neffen Heinz Jordan schrieb, der im Dezember 1939 ebenfalls nach Montevideo auswanderte. Dort heißt es: „Ich bitte Dich, drüben vor allem zu grüßen: Deinen Onkel Fritz u. Tante Selma, Deine Cousine Bertel mit ihrem Heinz Blumenthal u. wünsche Dir u. allen, dass Du sie gesund vorfindest. Da Bertel ja auch ein eigenes Heim hat, kann dieser Umstand für dich sehr angenehm sein.“[82] Berta hat mit ihrem Mann zusammen Anfang der 50er Jahre Uruguay wieder verlassen und wanderte aus nach USA in den Bundesstaat Ohio, wo sie dann in Columbus lebte. Soweit zu erfahren war, blieb die Ehe kinderlos.[83] Der Grund für die erneute Auswanderung, diesmal nach USA, war die Hoffnung, wirtschaftlich größeren Erfolg zu haben, als es in Uruguay möglich war. Berta Blumenthal verstarb 1995 oder Anfang 1996 in USA an Leukämie.
Die zweite Tochter war Paula, geboren am 11. April 1921 in Zaberfeld. In Zaberfeld erinnert man sich daran, dass sie sehr hübsch und nach der Beurteilung eines ehemaligen Lehrers auch sehr intelligent war. Beide Kinder gingen in Zaberfeld zur Schule und sie sind auf Fotos zu sehen, die sie im Kreis ihrer Altersgenossen zeigen.
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Berta Warschawsky |
Paula Warschawsky mitKonfirmanden aus Zaberfeld |
Von Paula Warschawsky gibt es sogar ein Foto, das sie mit Konfirmanden zusammen zeigt, was sehr eindrücklich beweist, dass es keine Ressentiments gab, die in irgendeiner Weise zu Ausgrenzungen im täglichen Leben geführt haben.
Das Jahr 1932 brachte die Trennung der beiden Eheleute. Aron Warschawsky ging zurück nach Polen und pflegte danach keinen Kontakt mehr zu seiner Frau und den Kindern.
Von Paulas bester Freundin, die ebenfalls in Zaberfeld lebte, war zu erfahren, dass Paula in Stuttgart arbeitete – offenbar in einem Haushalt, später wohl auch im Büro eines Transportunternehmens. Da es im Laufe der sich entwickelnden Ereignisse nicht mehr möglich war, im Haus eines „Ariers“ zu wohnen, fuhr Paula dann mit dem Zug von Stuttgart immer nach Hause nach Zaberfeld und am nächsten Morgen wieder nach Stuttgart zur Arbeit.
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Über das weitere Schicksal von Hedwig Warschawsky sind wenig genauere Angaben zu erhalten. Sie lebte aber nach 1938 in Polen, denn sie zählte zu den Juden, die vor der Reichspogromnacht nach Polen abgeschoben wurden. Dass sie zusammen mit ihrer Tochter Paula in Warschau lebte, geht aus mehreren Briefstellen hervor, die im Briefwechsel der Familie Albert Jordan zu finden sind. Der Mutter in Zaberfeld bereitet das Los ihrer Tochter und Enkeltochter großen Kummer, und oft wird der Wunsch geäußert, sie wieder zu sehen.
Der Sohn Albert versuchte, eine Genehmigung für die Wiedereinreise von Hedwig Warschawsky zu erreichen. Doch die Behörden lehnten dieses Ansinnen ab, wie Albert Jordan erwähnt und auch aus einem Rundschreiben des Geheimen Staatspolizeiamtes Berlin vom 18. Januar 1939 an die Außendienststellen, Landkreise-Polizeipräsidium Mainz, Polizeiämter und Polizeidirektionen hervorgeht.
Am 15. November 1940 wird das Ghetto von den Deutschen hermetisch abgeriegelt.[84] Ein Auszug aus Joe J. Heydeckers Buch ‚Das Warschauer Ghetto‘ mag die Situation verdeutlichen, in der Hedwig Warschawsky mit ihrer Tochter Paula zu leben hatte. „Als äußerer Grund für die Absperrung wurde von den Deutschen >Seuchengefahr< angegeben. Große Schilder an den Zugängen des Ghettos wiesen in deutscher und polnischer Sprache darauf hin. Tatsächlich lagen die Verhältnisse umgekehrt. Infolge der Absperrung, Überfüllung und elenden Ernährungs- und Sanitätslage traten Typhusfälle im Ghetto auf
. Hinzu kam, daß immer noch mehr Menschen in den abgesperrten Bezirk gepreßt wurden... Jedes Haus beherbergte schließlich im Durchschnitt 393 Personen, jeder Raum diente etwa dreizehn Menschen als Wohnstätte.“[85]
In einem Brief von Albert Jordan an seinen Sohn in Montevideo in Uruguay vom 1. Dezember 1940 wird die neue Anschrift von Hedwig und Paula Warschawsky mitgeteilt. Sie lautet: Warschau, Elektoralna 28 m 11. Auch hier wurde die Absperrung des Ghettos vom restlichen Teil der Stadt durch eine über die Straße gezogene Mauer bewerkstelligt. Das Foto zeigt die Gegend, in der Hedwig und Paula Warschawsky leben mussten.[86] Der schwarze Punkt auf der Karte der vorhergehenden Seite und oben auf der Karte zeigt die Lage der Wohnung von Hedwig und Paula Warschawsky.

Die Versorgungslage war desolat. „Während die Deutschen in Warschau Lebensmittelzuteilungen in Höhe von täglich 2310 Kalorien erhielten, betrug die tägliche Ration für die Bewohner des Ghettos im zweiten Halbjahr 1941 nur noch 184 Kalorien. Um diese Zeit gab es für Juden amtlich ein Kilo Brot wöchentlich sowie monatlich 250 Gramm Zucker, 100 Gramm Marmelade und 50 Gramm Fett. Das Brot war mit Kartoffelschalen und Sägemehl versetzt.“[87]
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Lage der Wohnung von Hedwig und Paula Warschawsky im Ghetto Warschau |
Blick vom Plac Bankowy auf die Ghetto-Mauer in der Elektoralna-Straße |
Eine Zusammenstellung der Entwicklung der monatlichen Lebenshaltungskosten im Ghetto zwischen April und Mai 1941 erklärt auch die Reaktion von Frau Warschawsky in einem Brief an ihren Bruder Albert Jordan. Innerhalb von etwa 5 Wochen stiegen die Lebenshaltungskosten pro Person um mehr als 100% (15.4.1941 – 159,84 Zloty/ 26.5.1941 – 353,65 Zloty).[88]
Frau Warschawsky bittet im oben erwähnten Brief vom 14.9.1941 darum, keine Kartoffeln oder Gurken zu schicken, da für jedes ankommende Päckchen Gebühren und Zoll zu bezahlen seien, und so würden sich Gewinn und Kosten nicht rechnen. Im Oktober 1941 fehlt sogar das Geld für die Heizungskosten. In allen Briefen scheint die bedrückende Lage in den jüdischen Familien durch und jedesmal wird der Hoffnung auf Besserung der Lebensumstände Ausdruck verliehen.
Neben all dem täglichen Elend gibt es in der Familie aber auch Nachrichten, die schnell die Runde machen. So ist in einem Brief des Onkels Albert Jordan vom 19. Januar 1941 zu lesen, dass Paula Warschawsky sich in Warschau mit einem 30jährigen Herrn verlobt hat, und es schließen sich Überlegungen an, ob diese Tatsache vielleicht die Chancen für eine Auswanderung erhöht. Aber es gibt keine weiteren Auskünfte, ob diese Hoffnungen berechtigt sind.
Durch eine Postkarte von Aron Warschawsky aus Kurzelów in Polen vom 29. September 1941 an seinen Schwager Albert Jordan gibt es neue Hinweise auf das Leben der einzelnen Familienmitglieder. So lebt der Vater Aron in Polen dort im Bezirk Kielce, während seine Frau Hedwig und die Tochter Paula im 170 km entfernten Warschauer Ghetto wohnen. „Die jüdische Bevölkerung des Generalgouvernements ... mußte(n) ab Ende 1939 in geschlossenen Wohnbezirken in bestimmten größeren Orten leben. Da nach der Verordnung über die Einführung des Arbeitszwangs für die jüdische Bevölkerung des Generalgouvernements vom 26. Oktober 1939 alle Juden vom vollendeten 14. bis zum vollendeten 60. Lebensjahr grundsätzlich dem Arbeitszwang für mindestens zwei Jahre unterliegen und >zur Auswertung ihrer Arbeitskraft bei lagermäßiger Unterbringung zur Arbeit eingesetzt< werden sollten, waren diese Ghettos meist mit Zwangsarbeitslagern verbunden.“[89] Auf Grund dieser Feststellung liegt die Vermutung nahe, dass auch Aron Warschawsky zu diesen Zwangsarbeitern zu rechnen ist.
Der Inhalt der Postkarte ist insofern interessant, als er einen weiteren Aspekt der Auswanderungsbemühungen zeigt und auch einen Blick auf die Familienverhältnisse zulässt. So bittet Aron Warschawsky den Schwager Albert Jordan um die Adresse seiner Frau und Tochter in Warschau, weil diese seiner in USA lebenden Schwester Paula mitgeteilt werden soll, damit von dort möglicherweise Hilfe für die Auswanderung organisiert werden kann. Allerdings bittet er um Diskretion, weil er vielleicht nicht als Helfer im Hintergrund erkannt werden will.
Danach reißt die Kette der Informationen über Familie Warschawsky ab. Es gibt keine weiteren Nachweise über das Leben der einzelnen Familienmitglieder, lediglich die Hinweise über Berta Blumenthal aus den Briefen, die Albert Jordan aus Südamerika von seinem Sohn Heinz erhält. Dieser pflegt Kontakt zu seiner Cousine Berta und ihrem Mann Heinz Blumenthal.
Im Gemeindearchiv Zaberfeld findet sich ein Schriftsatz mit einem Beschluss des Amtsgerichtes Brackenheim vom 13. April 1962. Darin wird Aron Warschawsky für tot erklärt. Der Antrag stammt von seiner Tochter Berta Blumenthal aus Columbus, Ohio in USA. Als Todeszeitpunkt wird der 31.12.1939, 24 Uhr festgestellt. Zu dieser Zeit lebt Aron Warschawsky allerdings noch in Polen, wie das Absenderdatum der oben erwähnten Postkarte vom 29. September 1941, die er von Kurzelów an Albert Jordan in Ober-Erlenbach schreibt, zeigt.[90]
Das Schicksal von Aron Warschawsky, seiner Frau Hedwig Warschawsky und deren Tochter Paula konnte nicht geklärt werden. Sie müssen als verschollen gelten.